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Myon
ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ
top
Das Myon (Englisch: Muon) ist ein Elementarteilchen, das in vielen Eigenschaften dem Elektron Ă€hnelt. Wie das Elektron besitzt es eine negative Elementarladung und einen Spin von 1â2. Myon und Elektron unterliegen der elektroschwachen, jedoch nicht der starken Wechselwirkung und gehören damit zu den Leptonen. Das Elektron wird zur ersten und das Myon zur zweiten der drei Leptonenfamilien gerechnet. Das entsprechende Teilchen der dritten Familie ist das 1975 entdeckte Tauon.
Das Myon hat eine rund 200-mal gröĂere Masse als das Elektron. Zur Erzeugung eines Myons ist daher eine Schwerpunktsenergie von ca. 106 MeV notwendig. Infolgedessen entstehen Myonen weder bei radioaktivem Zerfall noch bei Kernwaffenexplosionen, aber in der Höhenstrahlung. Zur kĂŒnstlichen Produktion werden Teilchenbeschleuniger benötigt. Im Gegensatz zum Elektron ist das Myon instabil und zerfĂ€llt spontan mit einer mittleren Lebensdauer von 2,2 Mikrosekunden.
Das Formelsymbol des Myons ist ÎŒâ. Das Antiteilchen des Myons ist das positive Myon oder Antimyon ÎŒ+. Es ist wie das Positron einfach positiv geladen.
Contents
âą Historie
âą Zerfall
⹠ZerfallskanÀle
âą Lebensdauer
âą Myonische Atome
âą Myonium
âą Tomografie
âą Trivia
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ
Historie
Myonen wurden 1936 von Carl D. Anderson und Seth Neddermeyer bei der Untersuchung von kosmischer Strahlung entdeckt und unabhÀngig 1937 von J. Curry Street und E. C. Stevenson nachgewiesen (beide Gruppen veröffentlichten in derselben Physical-Review-Ausgabe 1937).
Bis in die 1950er Jahre wurde das Myon als ÎŒ-Meson (My-Meson) bezeichnet. âMesonâ (griechisch, etwa das Mittlere) â noch frĂŒher auch âMesotronâ â bedeutete damals âmittelschweresâ Teilchen, nĂ€mlich mit einer Masse zwischen Elektron und Proton. In den 1960er Jahren wurde aber die Bezeichnung âMesonâ auf Teilchen mit starker Wechselwirkung eingeschrĂ€nkt, zu denen das Myon als Lepton nicht gehört.
Zerfall
ZerfallskanÀle
Das freie Myon zerfÀllt gemÀà dem hier abgebildeten Feynman-Diagramm in ein Myon-Neutrino, ein Elektron-Antineutrino und ein Elektron
ÎŒ ÎŒ â â â â e â â + Μ Μ ÂŻ ÂŻ e + Μ Μ ÎŒ ÎŒ {\displaystyle \mu ^{-}\to \mathrm {e} ^{-}+{\bar {\nu }}_{\mathrm {e} }+\nu _{\mu }} .
Selten (in 0,0034 % der FÀlle) wird zusÀtzlich ein Elektron-Positron-Paar erzeugt:
ÎŒ ÎŒ â â â â e â â + Μ Μ ÂŻ ÂŻ e + Μ Μ ÎŒ ÎŒ + e + + e â â . {\displaystyle \mu ^{-}\to \mathrm {e} ^{-}+{\bar {\nu }}_{\mathrm {e} }+\nu _{\mu }+\mathrm {e} ^{+}+\mathrm {e} ^{-}\,.}
Auch die Erzeugung von Gammastrahlung (Photonen) ist möglich (Anteil 6e-8):
ÎŒ ÎŒ â â â â e â â + Μ Μ ÂŻ ÂŻ e + Μ Μ ÎŒ ÎŒ + Îł Îł . {\displaystyle \mu ^{-}\to \mathrm {e} ^{-}+{\bar {\nu }}_{\mathrm {e} }+\nu _{\mu }+\gamma \,.}
Den Zerfall des Antimyons erhÀlt man durch den Austausch aller Teilchen durch das jeweilige Antiteilchen
ÎŒ ÎŒ + â â e + + Μ Μ e + Μ Μ ÂŻ ÂŻ ÎŒ ÎŒ {\displaystyle \mu ^{+}\to \mathrm {e} ^{+}+\nu _{\mathrm {e} }+{\bar {\nu }}_{\mu }} .
Dem Standardmodell zufolge wird der Zerfall des Myons durch ein W-Boson vermittelt.
Lebensdauer
Die experimentell bestimmte mittlere Lebensdauer des ruhenden positiven Myons betrĂ€gt Ï = 2,197 ÎŒs, entsprechend einer Halbwertzeit Tœ = Ï ln 2 von etwa 1,523 ÎŒs. Das negative Myon hat in Materie einen zusĂ€tzlichen Zerfallskanal: Es kann mit einem Atomkern ein myonisches Atom bilden und anschlieĂend entsprechend dem K-Einfang eines Elektrons vom Kern absorbiert werden. Dabei wird ein Proton zu einem Neutron, und ein Myon-Neutrino wird emittiert. Deswegen ist in Materie die experimentell bestimmbare mittlere Lebensdauer des negativen Myons kĂŒrzer. Im Vakuum, ohne diesen zusĂ€tzlichen Zerfallskanal, stimmen die gemessenen Lebensdauern von positivem und negativem Myon genau ĂŒberein (Messgenauigkeit: 0,1 %).cite-ref-3[3]
Zeitdilatation
Der Zerfall von Myonen aus der sekundĂ€ren kosmischen Strahlung wird gerne als Lehrbuchbeispiel fĂŒr die Zeitdilatation bewegter Teilchen herangezogen. Nach der speziellen RelativitĂ€tstheorie erscheint die Zeit in einem mit einer Geschwindigkeit v {\displaystyle v} bewegten System aus Sicht eines AuĂenstehenden um den Lorentz-Faktor Îł Îł = 1 / 1 â â ( v / c ) 2 {\textstyle \gamma \ =1/{\sqrt {1-(v/c)^{2}}}} gedehnt (verlangsamt). Ohne diesen Effekt wĂŒrden von Myonen, die sich nahe der Lichtgeschwindigkeit c bewegen, aufgrund der kurzen Halbwertszeit von Tœ = 1,5 ÎŒs nach einer Wegstrecke von c·Tœ = 450 m die HĂ€lfte zerfallen. Nach 4,5 km wĂ€re nur noch jedes Tausendste vorhanden, nach 9 km jedes Millionste. TatsĂ€chlich aber erreichen die allermeisten Myonen, die in der Ă€uĂeren ErdatmosphĂ€re entstehen, den Erdboden.cite-ref-4[4]
Die Lebensdauer von Myonen verschiedener Energie wurde erstmals 1940 durch Bruno Rossi und David B. Hall gemessen.cite-ref-5[5]cite-ref-6[6]cite-ref-7[7]cite-ref-8[8] Durch einen Geschwindigkeitsfilter wurde die Messung auf Myonen mit 99,5 % der Lichtgeschwindigkeit beschrĂ€nkt. Der Vergleich der gemessenen Teilchenanzahlen ermöglichte es, die Halbwertszeit dieser schnellen Myonen zu bestimmen; sie ergab sich mit 13 ÎŒs etwa neunmal lĂ€nger als bei ruhenden Myonen â in Ăbereinstimmung mit den Voraussagen der RelativitĂ€tstheorie. 1963 wurde von David H. Frisch und James H. Smith ein Ă€hnliches Experiment mit höherer Genauigkeit ausgefĂŒhrt.cite-ref-9[9]
Im Standardmodell verbotene ZerfallskanÀle
Bestimmte neutrinolose ZerfallskanĂ€le des Myons sind zwar kinematisch möglich, jedoch im Standardmodell verboten und bisher auch nicht beobachtet worden. Dies wird durch die ErhaltungssĂ€tze der Lepton-Flavours ausgedrĂŒckt (Erhaltung der Leptonenfamilienzahlen in jedem Wechselwirkungsvertex), woraus auch folgt, dass das Myon kein angeregter Zustand des Elektrons ist. Beispiele fĂŒr solche ZerfĂ€lle, die den Lepton-Flavour Ă€ndern wĂŒrden, sind
ÎŒ ÎŒ â â â â e â â + Îł Îł {\displaystyle \mu ^{-}\to \mathrm {e} ^{-}+\gamma }
und
ÎŒ ÎŒ â â â â e â â + e + + e â â {\displaystyle \mu ^{-}\to \mathrm {e} ^{-}+\mathrm {e} ^{+}+\mathrm {e} ^{-}} .
Die Beobachtung eines solchen Zerfalls wĂ€re ein Indiz fĂŒr eine neue Physik jenseits des Standardmodells (Neue Physik). In den letzten 50 Jahren wurde in zahlreichen Experimenten die obere Grenze fĂŒr die VerzweigungsverhĂ€ltnisse solcher ZerfĂ€lle stĂ€ndig verbessert. Der aktuelle Grenzwert (2020) fĂŒr den Zerfall ÎŒ ÎŒ â â â â e â â + Îł Îł {\displaystyle \mu ^{-}\to \mathrm {e} ^{-}+\gamma } wurde im MEG-Experiment mit 4,2 · 10â13 bestimmt.cite-ref-10[10] Das Experiment Mu3e plant, den Grenzwert fĂŒr den anderen Zerfall von derzeit 10â12 auf 10â16 zu verbessern.
Magnetische Anomalie des Myons
Myonen eignen sich besonders gut, um fundamentale KrĂ€fte in der Physik auf höchstem PrĂ€zisionsniveau zu studieren. Nach heutigem Kenntnisstand sind sie, wie alle Leptonen, punktförmig. Damit lassen sich im Rahmen der Quantenelektrodynamik ihre Eigenschaften sehr prĂ€zise berechnen. Der Einfluss anderer KrĂ€fte als der elektromagnetischen Kraft ist klein, aber durch virtuelle Teilchen, die das Myon umgeben, beobachtbar. Das fĂŒhrt zu einer Abweichung der magnetischen Eigenschaften des Myons.
Die magnetische Anomalie des Myons a ÎŒ ÎŒ {\displaystyle a_{\mu }} wird auch gâ2-Wert genannt, hierbei ist g der LandĂ©-Faktor. Sie ist die Abweichung des durch Quantenkorrekturen ermittelten Wertes von dem Wert, den man durch die Lösung der Dirac-Gleichung ( g ÎŒ ÎŒ Dirac = 2 {\displaystyle g_{\mu }^{\text{Dirac}}=2} ) erhĂ€lt. Das Standardmodell der Elementarteilchenphysik sagt fĂŒr diese Korrekturen vorher:cite-ref-11[11]
a ÎŒ ÎŒ SM = | g ÎŒ ÎŒ | â â 2 2 = 0,001 165 918 10 ( 43 ) {\displaystyle a_{\mu }^{\text{SM}}={\frac {|g_{\mu }|-2}{2}}=0{,}001\,165\,918\,10(43)}
Eine PrĂ€zisionsmessung dieser magnetischen Anomalie wurde am Brookhaven National Laboratorycite-ref-12[12] von einer weltweiten Kollaboration um das Jahr 2000 durchgefĂŒhrt. Sollte es andere als die der Teilchenphysik derzeit bekannten Teilchen geben und sollten diese nicht allzu groĂe Massen haben, dann mĂŒssten sie sich in der magnetischen Anomalie des Myons bemerkbar machen. Der ermittelte Wert von
a Ό Ό BNL = 0,001 165 920 80 ( 63 ) {\displaystyle a_{\mu }^{\text{BNL}}=0{,}001\,165\,920\,80(63)}
lag 2,2 ⊠2,7 Standardabweichungen ĂŒber der theoretischen Vorhersage,cite-ref-13[13] was keine signifikante Abweichung von der theoretischen Vorhersage darstellte.
Anfang April 2021 wurden erste Ergebnisse des Myon gâ2-Experiments am Fermilab veröffentlicht, die mit höherer Genauigkeit und einem Wert von
a Ό Ό FNAL = 0,001 165 920 40 ( 54 ) {\displaystyle a_{\mu }^{\text{FNAL}}=0{,}001\,165\,920\,40(54)}
diese leichte Abweichung bestĂ€tigten.cite-ref-14[14] Es wurde noch nicht die in der Teilchenphysik ĂŒblicherweise geforderte Signifikanz von mindestens 5 Ï erreicht, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Abweichung rein zufĂ€llig ergab, liegt in der GröĂenordnung 1:40 000.cite-ref-15[15]
Das kombinierte Ergebnis von Brookhaven und Fermilab weicht daher um
a ÎŒ ÎŒ komb. â â a ÎŒ ÎŒ SM = ( 241 ± ± 59 ) Ă Ă 10 â â 11 {\displaystyle a_{\mu }^{\text{komb.}}-a_{\mu }^{\text{SM}}=(241\pm 59)\times 10^{-11}}
vom theoretisch vorhergesagten Ergebnis ab, was mit 4,2 Standardabweichungen einer Wahrscheinlichkeit fĂŒr einen Zufall von etwa 1:100 000 entspricht.
Myon und Standardmodell
Wenn das gemessene magnetische Moment des Myons gröĂer ist als das auf Basis des Standardmodells der Teilchenphysik berechnete, könnte das darauf hinweisen, dass es weitere Elementarteilchen gibt, die eine Wirkung auf das magnetische Moment haben.
Ein beliebtes Modell ist die Supersymmetrie (SUSY), die fĂŒr jedes Teilchen des Standardmodells die Existenz eines Superpartners vorhersagt. Aus SUSY-Teilchen könnte auĂerdem die bisher nicht identifizierte Dunkle Materie im Universum bestehen, deren Existenz bei den Kosmologen als sicher gilt. Dieses Modell krankt leider daran, dass der LHC bis zum Wert von etwa 1000 Protonenmassen keine Superpartner gefunden hatcite-ref-cas-16-0[16]. Wenn es allerdings zwei SUSY-Teilchen mit Ă€hnlichen Massen gĂ€be (etwa eines mit 550 Protonenmassen, ein zweites mit 500 Protonenmassen), so wĂŒrde im Beschleuniger zunĂ€chst das schwerere von beiden erzeugt, das aber schnell in das leichtere SUSY-Teilchen und ein gewöhnliches Teilchen des Standardmodells mit etwa 50 Protonenmassen zerfielecite-ref-cas-16-1[16] (der LHC kann solche ZerfĂ€lle nicht detektierencite-ref-cas-16-2[16]). Teilchen mit diesen Eigenschaften erfordern aber die Existenz einer viel gröĂeren Menge Dunkler Materie als die Astronomen beobachten.
Kompliziert wird das Problem des Myons durch folgende vom LHCb gefundene Asymmetrie: Beim Zerfall von B-Mesonen sollten gleich viele Myonen und Elektronen entstehen, da diese beiden Teilchen bis auf ihre deutlich verschiedenen Massen im Standardmodell völlig gleichberechtigt sind; der LHCb beobachtet jedoch weniger Myonen als Elektronencite-ref-17[17], und das kann kein SUSY-Modell erklÀren.cite-ref-cas-16-3[16]
Zuletzt werden einige GroĂe vereinheitlichte Theorien, die die starke, elektromagnetische und schwache Kraft als Wirkung einer einzigen fundamentalen Kraft auffassen, zur Deutung aller drei Probleme (zu groĂes magnetisches Moment des Myons, Defizit von Myonen beim B-Meson-Zerfall, Dunkle Materie im Universum) in ErwĂ€gung gezogen, soweit sie frĂŒher noch nicht experimentell widerlegt wurden. Eine Möglichkeit dabei wĂ€re, die Existenz eines Leptoquarks zu fordern, die auch erklĂ€ren wĂŒrde, warum die drei Familien der Elementarteilchen so verschiedene Massen haben. Alternativ könnte nach einem dem Z-Boson Ă€hnlichen Z*-Boson gesucht werden.
Myonen in der kosmischen Strahlung
Myonen sind ein Hauptbestandteil der sekundĂ€ren kosmischen Strahlung. Diese entsteht durch Reaktionen der eigentlichen kosmischen Strahlung (vor allem aus dem Weltall kommenden Protonen) mit Atomkernen der oberen AtmosphĂ€re. Die meisten Myonen entstehen in der Ă€uĂeren AtmosphĂ€re: In einer Höhe von etwa 10 km sind schon 90 Prozent aller in der gesamten AtmosphĂ€re produzierten Myonen entstanden.cite-ref-theod-rsson1996-19-0[19] Die Reaktionen der primĂ€ren Strahlung erzeugen zunĂ€chst Pionen und zu einem kleineren Teil Kaonen; bei deren Zerfall durch die schwache Wechselwirkung entstehen unter anderem Myonen und Myon-Neutrinos. In Meereshöhe liegt die Teilchenflussdichte dieser âkosmischenâ Myonen um die 100 pro Quadratmeter und Sekunde, das gemessene VerhĂ€ltnis ÎŒ+/ÎŒâ bei etwa 1,27.cite-ref-20[20]
Der erhebliche Fluss schneller Myonen aus der sekundĂ€ren kosmischen Strahlung noch am Erdboden stellt einen störenden Untergrund bei Messungen schwacher Strahlenquellen dar. Er ist einer der GrĂŒnde dafĂŒr, solche Messungen in unterirdischen Laboratorien in frĂŒheren Bergwerken u. Ă. (wie etwa dem Gran-Sasso-Labor) durchzufĂŒhren.
Am Auger-Observatorium verdichteten sich 2016 die Hinweise auf einen durch gĂ€ngige Modelle der Hochenergiephysik nicht erklĂ€rbaren Myonen-Ăberschuss in der kosmischen Strahlung, der entweder auf neue Physik hinweist (bei PrimĂ€renergien der kosmischen Strahlung von 1019 eV in der oberen AtmosphĂ€re entspricht das Schwerpunktsenergien der Kollision mit LuftmolekĂŒlen von 110 bis 170 TeV und damit dem Zehnfachen des beim LHC erreichbaren Werts) oder auf LĂŒcken im VerstĂ€ndnis hadronischer Kollisionsprozesse.cite-ref-21[21]cite-ref-22[22]
Erzeugung von Myonen
Myonen lassen sich mit Teilchenbeschleunigern erzeugen, indem man hochenergetische Protonen auf ein Target schieĂt. Dabei entstehen geladene Pionen (Ïâ, Ï+), die mit einer Halbwertszeit von 1.8e-8 s in Myonen und Neutrinos zerfallen. Aufgrund der Zeitdilatation entspricht dies je nach Energie einer Flugstrecke von wenigen bis zu einigen hundert Metern. Aus dem so entstehenden Strahl von Pionen, Myonen und anderen Teilchen lassen sich Myonen herausfiltern, indem man den Strahl durch eine dicke Materialschicht (Absorber) leitet, den die stark wechselwirkenden Teilchen (Pionen, Kaonen, âŠ) nicht durchdringen können. Auch wenn man einen Strahl aus Myonen und Pionen (und anderen Teilchen) in einen Speicherring leitet, dessen elektrische und magnetische Felder speziell auf die Myonenmasse eingestellt sind, werden die Myonen herausgefiltert, denn nur diese werden gerade so abgelenkt, dass sie dem Ringverlauf folgen.
Ein Nebeneffekt bei der Erzeugung ĂŒber Pionen ist, dass die Myonen polarisiert sind. Beim Zerfall Ï Ï â â â â ÎŒ ÎŒ â â + Μ Μ ÂŻ ÂŻ ÎŒ ÎŒ {\textstyle \pi ^{-}\to \mu ^{-}+{\bar {\nu }}_{\mu }} ist das Myon linkshĂ€ndig, und entsprechend ist beim Zerfall Ï Ï + â â ÎŒ ÎŒ + + Μ Μ ÎŒ ÎŒ {\textstyle \pi ^{+}\to \mu ^{+}+\nu _{\mu }} das Antimyon rechtshĂ€ndig. Im Ruhesystem des Pions zeigt daher der Spinvektor des wegfliegenden Myons in VorwĂ€rtsrichtung, der des Antimyons in RĂŒckwĂ€rtsrichtung.
Nachweis von Myonen
Myonen mit ihrer meist hohen kinetischen Energie erzeugen in Materie durch viele aufeinander folgende StöĂe lange Ionisationsspuren, die zur Detektion dienen können. Da sie sich meist mit nahezu Lichtgeschwindigkeit bewegen, erzeugen sie z. B. in Wasser Tscherenkow-Strahlung.
Auch Szintillatoren und Halbleiterdetektoren sind auf Myonen empfindlich. Die Myonen aus der sekundÀren kosmischen Strahlung beispielsweise machen in Gammaspektrometern oft den Hauptteil des Nulleffekts aus, denn sie können wegen ihrer hohen Energie mehrere Meter Blei durchdringen und sind im Labor daher kaum abschirmbar.
In Experimenten der Teilchenphysik werden Myonen von anderen Teilchen durch verschiedene Techniken unterschieden:
⹠Durch Messen lÀngerer Spuren können Ursprungsort und die Bewegungsrichtung der Myonen bestimmt werden.
⹠Durch Messen von Spuren in Magnetfeldern kann das VerhÀltnis von Ladung zu Impuls bestimmt werden. Zusammen mit einer Geschwindigkeitsmessung kann auf die Masse des Teilchens geschlossen werden.
âą Das hohe Durchdringungsvermögen fĂŒr Materie kann ebenfalls zur Identifikation dienen.
Experimente mit Myonen
Myonische Atome
Wie Elektronen können die negativ geladenen Myonen an Atomkerne gebunden werden. Der zugehörige Bohrsche Radius der âMyonbahnâ um den Atomkern ist aber um das VerhĂ€ltnis der Masse des Myons zum Elektron kleiner. Damit sind Myonen viel enger als Elektronen an den Kern gebunden. Dass sie sich innerhalb des Atomkerns aufhalten, ist dadurch um etwa 7 GröĂenordnungen wahrscheinlicher als bei Elektronen.
Insbesondere bei schweren Atomkernen und bei Myonen, die nach dem Einfang das 1s-Orbital belegen, steigt die Wahrscheinlichkeit des Aufenthalts eines Myons innerhalb des Atomkerns auf signifikante Werte. Wenn das Myon dann vom Kern absorbiert wird, kommt es zum inversen Betazerfall und ein Proton wird in ein Neutron umgewandelt. Hierbei entstehen zusĂ€tzlich ein Neutrino und eventuell einige Gamma-Quanten. Der neu entstandene Atomkern ist hĂ€ufig radioaktiv. DurchlĂ€uft dieser in der Folge einen normalen Betazerfall, entsteht wieder der ursprĂŒngliche Atomkern.
Ein gebundenes Myon hat aufgrund der zusĂ€tzlichen Reaktionswahrscheinlichkeit eine deutlich geringere Lebensdauer, in Kupfer z. B. etwa 0,163 ÎŒs. Dies wird z. B. in der Myonen-Spin-Analyse genutzt.
Da das gebundene Myon einen Teil der Kernladung abschirmt, verschieben sich die Energieniveaus der gebundenen Elektronen. Weiterhin gilt das Pauli-Prinzip zwar jeweils fĂŒr Elektronen und Leptonen untereinander, aber nicht zwischen verschiedenen Teilchenarten. So können in einem myonischen Atom neben zwei Elektronen im 1s-Zustand zusĂ€tzlich ein oder zwei Myonen im 1s-Zustand existieren.
Dem gebundenen Myon steht als einzig zusĂ€tzlicher Zerfallsweg â neben sĂ€mtlichen ZerfallskanĂ€len des freien Myons â der Kerneinfang offen. Kerneinfang ist fĂŒr schwere Kerne der dominierende Prozess. Nach weiteren Zerfallsmöglichkeiten wird derzeit gesucht, z. B. der sogenannten Myon-Elektron-Konversion, ÎŒ ÎŒ â â + Z â â e â â + Z {\displaystyle \mu ^{-}+Z\,\rightarrow \,\mathrm {e} ^{-}+Z} . Da dieser Prozess im Standardmodell der Teilchenphysik nicht möglich ist, wĂ€re er ein eindeutiges Zeichen sogenannter Neuer Physik.
Antimyonen können mit ihrer positiven Ladung hingegen, Àhnlich wie Protonen oder Positronen, selber ein Elektron einfangen. Dabei entsteht ein exotisches Atom, das Myonium genannt wird.
Messung des Protonenradius
Die Messung der Lamb-Verschiebung von normalem Wasserstoff und myonischem Wasserstoff ist eine Möglichkeit, den Protonenradius (genauer: rms-Ladungsradius) zu bestimmen. Sie ist auf Grund unterschiedlicher Entfernungen zwischen Proton und dem entsprechenden Lepton unterschiedlich und ermöglicht durch Messung der Energiedifferenzen zwischen 2s- und 2p-ZustĂ€nden die Abweichung vom Coulomb-Potential auf sehr kleinen Entfernungsskalen zu bestimmen. Messungen in den Jahren 2010 und 2013 ergaben einen Protonradius, der signifikant von dem Wert abwich, den man bei Streuexperimenten an elektronischem Wasserstoff erhalten hatte. Nach weiteren Messungen konnte die Particle Data Group jedoch 2022 feststellen, dass diese Diskrepanz geklĂ€rt sei (âthe puzzle appears to be resolvedâ) â Details siehe Proton â RĂ€umliche Ausdehnung.
Myonium
Myonium ist ein gebundenes System aus einem ÎŒ+ und einem Elektron. Es entspricht also einem Wasserstoffatom, bei dem das Proton des Kerns durch ein Antimyon ersetzt ist. Da das Myon im Gegensatz zum Proton keine Substruktur hat, sind mit Myonium Experimente zu fundamentalen Wechselwirkungen mit hoher PrĂ€zision möglich.
Tief inelastische Streuung
FĂŒr die Erforschung der Substruktur von Protonen und Neutronen durch tief inelastische Streuung sind Elektronen und Myonen gleichermaĂen geeignet. Elektronenstrahlen lassen sich zwar weitaus einfacher erzeugen als Myonenstrahlen, aber mit letzteren lassen sich höhere Energien und damit Messungen mit höherer Auflösung erreichen. Die European Muon Collaboration (EMC) am CERN verfĂŒgte schon in den 1980er Jahren beim Experiment NA2 ĂŒber einen Myonenstrahl von bis zu 280 GeV Energie, der am Super Proton Synchrotron (SPS) erzeugt wurde, wĂ€hrend die Energie des Elektronenstrahls am Stanford Linear Accelerator Center (SLAC) auf 50 GeV beschrĂ€nkt war. Auch der spĂ€ter gebaute Large Electron-Positron Collider (LEP) am CERN erreichte im Jahr 2000 eine Rekordmarke von ânurâ 104,5 GeV (und wurde ohnehin fĂŒr andere Zwecke verwendet).
Myonen-katalysierte Fusion
Wird ein Myon von einem Deuterium- oder einem Deuterium-Tritium-MolekĂŒl (D2 bzw. DT) eingefangen, dann entsteht ein positives myonisches MolekĂŒlion, da die relativ groĂe Bindungsenergie des Myons die beiden Elektronen des MolekĂŒls freisetzt. In diesem myonischen MolekĂŒl-Ion sind die beiden Atomkerne einander etwa 200-mal nĂ€her als in einem elektronischen MolekĂŒl. Das ermöglicht durch den Tunneleffekt die Fusion der beiden Kerne. Die sehr groĂe durch die Fusion frei werdende Energie (bei D+D rund 3 MeV, bei D+T 14 MeV) setzt auch das Myon wieder frei und es kann wĂ€hrend seiner Lebensdauer je nach Umgebungsbedingung viele weitere (GröĂenordnung 102) Einzelfusionen katalysieren.cite-ref-23[23]
Die myonenkatalysierte Fusion wurde erstmals von Andrei Sacharow als Methode zur Energiegewinnung durch âkalte Fusionâ, also nicht-thermonukleare Fusion, vorgeschlagen. Um mit dieser Methode Nutzenergie erzeugen zu können, mĂŒssten die bis zum Zerfall des Myons (Lebensdauer 2,2 ÎŒs) stattfindenden Einzelfusionen mehr Energie freisetzen, als fĂŒr die Erzeugung des Myons benötigt wurde. Aktuelle Teilchenbeschleuniger-Anlagen sind davon viele GröĂenordnungen entfernt. Bis heute sind keine experimentellen oder theoretischen Ergebnisse anerkannt, die zweifelsfrei eine Myonen-katalysierte Fusion zur Energiegewinnung möglich erscheinen lassen.cite-ref-24[24]cite-ref-25[25]
Tomografie
Die kosmische Strahlung enthĂ€lt Myonen mit einer Energie von mehreren GeV. Durch ihre hohe kinetische Energie können sie mehrere Kilometer dicken Fels durchdringen, bevor sie auf Geschwindigkeiten deutlich unter der Lichtgeschwindigkeit abgebremst sind und zerfallen. Daher kann man sie bei der Myonentomografie zum Durchleuchten gröĂerer Objekte nutzen. Dazu werden die Myonen der kosmischen Strahlung verwendet und ihre Streustrahlung gemessen und tomographisch ausgewertet. Auf diese Weise wurden beispielsweise in den 1960er Jahren die Chephren-Pyramide von Luis Walter Alvarez untersucht und ab 2017 mehrere HohlrĂ€ume in der Cheops-Pyramide entdeckt.cite-ref-26[26]cite-ref-27[27]
Im Jahr 2009 wurde die Methode auf den Vulkan IĆ-dake (japanisch 祫é»ćČł) auf der Insel Iojima (Kikai-Caldera, Ćsumi-Inseln) angewandt. Dadurch konnte die Dichteverteilung des Vulkans ermittelt werden.cite-ref-bdw2009-28-0[28]cite-ref-tanaka-29-0[29]
Trivia
Das 1936 entdeckte Myon wurde zunĂ€chst fĂŒr das 1935 von Hideki Yukawa postulierte Austauschteilchen der Kernkraft gehalten, das heute als Pion bekannt ist. Dieser Irrtum rĂŒhrte daher, dass das Myon bis zur Entdeckung des Pions im Jahr 1947 das einzige bekannte Teilchen war, dessen Masse ungefĂ€hr der vorhergesagten Masse des Yukawa-Teilchens entsprach.
Die unerwartete Entdeckung eines Teilchens, das sich wie das Elektron verhielt, aber eine 207-mal höhere Masse hatte, veranlasste Isidor Isaac Rabi zu seinem berĂŒhmten Ausspruch: âWho ordered that?â (âWer hat denn das bestellt?â).cite-ref-30[30]
Weblinks
Wiktionary: Myon
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
âą Was sind Myonen? aus der Fernseh-Sendereihe alpha-Centauri (ca. 15 Minuten). Erstmals ausgestrahlt am 14. Apr. 2004.
⹠Integrated Infrastructure Initiative for Neutron Scattering and Muon Spectroscopy (NMI3). EuropÀisches Konsortium mit 18 Partnerorganisationen aus 12 LÀndern, alle wichtigen Einrichtungen in den Bereichen Neutronenstreuung und Myonspektroskopie. (Englisch).
Einzelnachweise
cite-note-11. Die Angaben ĂŒber die Teilcheneigenschaften der Infobox sind, wenn nicht anders angegeben, entnommen aus der Veröffentlichung der CODATA Task Group on Fundamental Constants (2022): CODATA Recommended Values. National Institute of Standards and Technology, abgerufen am 10. Juni 2024 (englisch). Die eingeklammerten Ziffern bezeichnen die Unsicherheit in den letzten Stellen des Wertes, diese Unsicherheit ist als geschĂ€tzte Standardabweichung des angegebenen Zahlenwertes vom tatsĂ€chlichen Wert angegeben.
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